Gedanken-Insel ... Findlinge aus der Anderwelt ... Fassung ungekürzt
Gedanken aus dem Abseits - zum Fest der (verbotenen) Liebe
Freitag, 25. Dezember 2015, 21:50
Erinnerungskapseln bleiben im Sein, solange man lebt. Verdrängung hat nie gut funktioniert.
Die Gedanken dieser Tage umwandern den traurigen Pol. Ich bin ein ausgesprochen melancholischer Mensch, dessen Humor eine Art kultivierte Show betreibt, um die Stimmung anderer nicht zu vermiesen.
Meine wirklichen Befindlichkeiten möchte niemand kennen. Das ist mir früh im Leben klar geworden.
Dieser Tage drehen sie sich um schwere Kost. Es ist diese Jahreszeit, in der die Frömmigen und Traditionsbewussten ihr 'Fest der Liebe' zelebrieren. Fest zu Ehren des Konsum, könnte man auch sagen, denn im ganzen Jahr kaufen Menschen nicht so viel Sinnloses, wie in diesen Tagen kurz vor Kalender-Jahresende. Sie zeigen einander Liebe, möchte man glauben. Berechnete, käufliche Liebe, wenigstens. Etwas Symbolisches anstatt von Liebe. Einer instrumentalisierten Art von floskelhafter Liebe, die man an jene Tage geknüpft hat. Ob der Einfachheit wegen, oder aus religiotischem Herrühren gewachsen, wer weiß schon genau.
Komischerweise feiern auch die meisten Angehörigen unerwünschter Eigenschaften dieses christlich-heidnisch verwurzelte Misch-Fest. Ob sie nun die Schenkerei, das Beschenktwerden mögen, oder die freien Tage, oder die vom Glühwein roten Nasen und die Sehnsüchte nach kindlichen Erlebnissen, möchte ich nicht rätselraten. Ich lasse ihnen ihr Fest und die sorgfältig berechnete Liebe in Form verschenkbarer Aufmerksamkeiten, wie die Duftkerze mit Rosenwasser, die dieses Jahr siebte Krawatte für Papa oder die lang ersehnte I-Pad-Daddelmaschine für das stets erreichbare Kommunikationsglück.
Während andere ihr Fest der Liebe mit der nötigen Ignoranz gegen die Schmähungen unseres Daseins aus dem Christentum begehen, und im saisonal erweckten Feiergefühl baden, gehen meine Gedanken jedes Mal wieder ins Abseits. Weil sie für mich mit Dingen verknüpft sind, die auf der Schattenseite des Lebens liegen.

„Snowbie“ wäre in 4 Tagen mitten in seinem 37. Lebensjahr angekommen. Ich muss ziemlich oft an ihn denken, aber gewöhnlich richtig viel nahe seinem Todestag. Die ganze Geschichte arbeitet sich da nach und nach hoch. Und mir wird dann wieder geläufig, warum noch gleich ich Religion und Kirche einen ganzen geballten Haufen mehr verabscheue, als andere Ungläubige es vielleicht tun, oder damit negativ Erfahrene.
Ich kannte viele etwas, die schon nicht mehr leben. Umso älter man wird, kann es passieren, dass das immer mehr werden. Wenn das Schicksal sowieso gerne seine Sadismen an einem auslebt, oder der Zufall das so will, dass man Leute kennen lernt, auch wenn man es nur eher flüchtig tut, die verunfallen, sich das Leben nehmen, tot geschlagen werden, oder an Krebs sterben. So, wie Claudia, Anke und André. Bei André waren es ja nur 2 Begegnungen, und er würde sich daran bestimmt nicht erinnert haben. Er erinnerte mich viel an „Snowbie“, deswegen war es wohl trotzdem so schlimm, als er mit 31 gehen musste.
„Snowbie“ war ja bloß grade mal 1 Jahr weiter als halb so alt.
Gedanken an die Toten, über die mein Weg kam, suchen mich häufig auf, in diesen ach so andersfeierlichen Tagen. Ich kannte und kenne Menschen oft nur knapp, wenn man das 'Kennen' dann überhaupt nennen kann. Kurze Zeiten und eher flüchtig, weil sich diese gewöhnlich nicht dazu entscheiden, mich länger zu kennen, und weil ich keinen Einfluss darauf habe, wie lange das jemand überhaupt möchte. „Snowbie“ gehörte zu denen, den ganz ganz Wenigen, die da etwas anders handelten, warum auch immer. Die Gründe sind für mich meist rätselhaft, ich frage mich gewöhnlich, welchen Nutzen Menschen davon haben können, mich zu kennen. Ich sehe den Gewinn anderer daran meist nicht. Aber dafür bin ich dankbar, wenn es so einer ist, den ich auch noch mag. Ansonsten verstehe ich das, so, wie man alles verstehen kann, dass Menschen nichts Wesentliches verpassen, die mich nicht kennen gelernt haben. Ich bin mir meiner Nichtigkeit in einer Weise bewusst, die einem Grashalm inmitten einer riesigen Wiese gleich kommt. Es ist unerheblich, ob einer mehr oder weniger dort wüchse. Diese Unerheblichkeit macht mir die Lebenserfahrung immer wieder neu vertraut.

Ich wollte über „Snowbie“ etwas schreiben. Erinnerungen machen ihn nicht mehr lebendig. Aber es hat manchmal etwas davon, diesen Schmerz zu lindern, der durch Verlust entsteht, und sich in der Psyche fest zementieren kann, wenn man zu vieles verdrängt. Das Merkwürdige an jener Bekanntschaft waren die Anknüpfungen meiner – ich nenne das so – verbotenen Gefühle. Nenne das so, weil ich immer das Ahnen dabei hatte, dass das etwas Perverses, Schändliches oder Unanständiges sei. So habe ich gelernt, es zu betrachten, so wurde es mir vermittelt, schließlich wuchs ich unter denen auf, die insbesondere alles nicht Heterosexuelle, nicht 'Normale' und das Andersgeartete verurteilen und stets verunglimpfen, welche als Urheber dieser Eigenschaften das Böse wittern, das Übel und unrechte Wege dafür verantwortlich zeichnen. Unter gläubigen Christen. Jene, die dieser Tage ihr Fest der (auserlesenen) Liebe feiern. Ich lernte also, mich stets für Gefühle zu schämen, die in unanständig beschriebene Nuancen hinein reichten. Jemanden mögen, jemanden nett finden, oder – Gott bewahre – vielleicht attraktiv anzusehen. Ich habe mich deswegen fürchterlich geschämt, mir geht das noch heute so, und wenn ich über Jemand auch nur ansatzweise etwas Liebesverwandtes denke, versinke ich in dieser alles schluckenden Scham gleich einem Stein in trübem Wasser.
Diese Scham ist etwas Anerzogenes. Natürlich ist sie nicht. Sie ist ein Überbleibsel der kindlich-religiösen Aufprägung, das weiß ich heute. Und trotzdem wirkt dieses Introjekt zuverlässig weiter, wie eine Depotspritze. Ich schaffe es nicht, mich trotz bewusster Mühen für 'verbotene', von Gläubigen so betrachtete Gefühle nicht zu schämen.

„Snowbie“ ist zu meinem Traumfänger geworden, er, oder viel mehr das, was er in meiner Erinnerung wurde, und das fängt sämtliche solchen Gefühle, Fitzel, Schnipselchen ab, sodass ich anderen, vor allem den noch lebenden Menschen, nie diese verbotenen Gedanken aufdrängen muss, und es auch nicht kann.
Ich stelle mir vor, wie „Snowbie“ heute wohl etwa aussehen würde. Ob er immer noch diese splissigen, überschulterlangen und vom Wind zersausten blonden Haare hätte, und immer noch 3 Fusseln am Kinn, die seinen „Bart“ kümmerlich darzustellen versuchten. Mit seiner Skimütze drauf und der schimmernden Schneebrille, die er immer da drüber hoch schob, wenn er mal Pause machte, um was zu sagen, und wie er dann die grünblaugrauen Augen zuklemmte, wenn ihm die Sonne zu grell war. Weil die Menschen mit den Sommersprossen öfter lichtempfindlich sind. Das hat er mal erzählt. Wie sehr er doch immer Spaß beim Snowboarden hatte, denn das war doch seine große Leidenschaft … und die sondercoole Kombi, die er dazu immer trug. Knall-orange, wie so ein Jetpiloten-Overall, und hinten stand sowas wie „Snow-Patrol“ drauf. Was heute eine Musikgruppe ist, oder es vielleicht ja damals schon war, und nur noch nicht so bekannt. „Snowbie“, das stand auch auf seiner Skimütze drauf, deswegen nannten ihn alle so. Wohl eine Art Verniedlichung von *Snowboarder*. Passte dann ja zu ihm. Ich stelle mir dann vor, dass er heute eine kleine Family hätte, eine hübsche Frau, paar kleine Gören, vielleicht einen Husky, weil er immer Huskies mochte, wenn er mal einen sah. Natürlich stelle ich mir sowas lieber vor, sage ich mir, denn das andere, was ich mir vorstellen würde, wenn es nicht gesellschaftlich anerkannt gesehen irgendwie abartig wäre, es zu tun, würde ich eher meiner Scham opfern. (Ihn mir als heimlichen Darling vorzustellen) Sowas lasse ich lieber gänzlich sein.
Sonst geht das mit den verbotenen Gefühlen wieder los, und ich hatte ja definitiv wenigstens ansatzweise welche, als „Snowbie“ sich entschied, mich länger als nur ein, zwei Begegnungen lang zu kennen. So, wie das normalerweise eben ist. Also, dass Menschen des Real-Life mich nur ein, zwei Gespräche lang kennen, ist das Übliche, das meine ich damit. Man hat darauf keinen Einfluss. Entweder man wird dafür ausgewählt, oder nicht.
„Snowbie“ wäre jetzt also 37 Jahre alt. 1994, 25. Dezember, tot mit 16. Mann, denke ich, die Zeit verging verdammt schnell, wo blieben nur all die Jahre … all die verflucht verheulten Weihnachten? Und all die verbotenen Gefühle und Gedanken, Snowbie, hast du die mitgenommen, hinab in das schwarze Loch namens Nichts?
Nach dorthin, wo die Menschen gehen, oder das, was wir als das Bewusste kennen, als die Persönlichkeit.
Und schon geht es wieder los damit. Die elende Flennerei! Aber weil „Snowbie“ mein Traumfänger wurde, können die verbotenen Gedanken wenigstens nie jemand Anderen bedrängen. Wenn das Nichts sie alle verschlingt, muss ich nie Angst deswegen haben, etwas Unanständiges über andere zu denken. Oder über André, der mich an „Snowbie“ so erinnerte. Oder „Snowbie“ an André, wie rum auch immer. Hätten praktisch Cousins sein können. Bis auf die Sommersprossigkeit vielleicht. „Snowbie“ hatte meines Wissens nie eine Freundin. Auch nur lose Kontakte, ein paar kiffende Idioten und einer von der freiwiligen Feuerwehr, der ihn laufend hänselte. „Ich habe keine Freunde, aber lange Haare und Sommersprossen. Hat nicht jeder, so'n Glück!“, sagte er manchmal. Auf englisch kommt das nicht so ulkig rüber. Ich hab's nie kapiert, so ein netter Typo, total hilfsbereit, hat immer gegrinst und sofort gegrüßt, von weitem schon, high five. Kam in eine Runde, keiner kannte ihn, und 5 Minuten später waren alle am Lachen und Herumalbern mit ihm. Wie konnte der keine Freunde haben? Sah so cool aus und konnte etliche Tricks auf dem Snowboard. Super Figur, paar Kilo Untergewicht, so Grübchen in den Mundwinkeln, wenn er lächelte. Wäre ich ein Girl nach seinem Geschmack gewesen …. aber da gehen die verbotenen Gedanken schon wieder los.
Ich glaube, „Snowbie“ war der erste Typ, bei dem mir das passiert ist. Das mit den verbotenen Gefühlen.
Wenn man anfängt zu denken, dass man den immer kennen möchte, und von seiner Nähe regelrecht aufmunternd bestrahlt wird, oder bezaubert, oder wie man das eigentlich nennen soll. Wenn jeder Gedanke, jedes um ihn herum oder mit ihm erlebte Ereignis so etwas wie einen Sonnenaufgang innen drin verursacht. Da, wo viele Leute dies das 'Herz' nennen. „Snowbie“ hatte diese Ausstrahlung, die wie ein Magnet wirkt, und wo man erst gar nicht rafft, warum eigentlich man ihm nahe sein möchte.
Weil er cool ist, sich cool anzieht, weil er ein Snowboarder ist, einer, der total abgefahrenen Sport macht, denkt man erst. Einer, der einfach hammer süß ist … und dann schlägt die Scham einen mit dem ganz großen Hammer auf die Nuss.
„Snowbie“ WAR so. Jetzt ist er nur noch ein Gerippe mit einem zerbrochenen Schädeldach, denke ich gleich anschließend. Keine langen Haare mehr. Keine Sommersprossen, sein süßes Äußeres vergangen, seine noch süßere, hellwach intellligente Persönlichkeit erloschen, für immer fort … braunschmutzige Knochen nur noch. Manchmal fehlt er mir noch so sehr wie in der ersten Zeit. Nachdem sie seinen kaputt geschlagenen Körper endlich fanden. In alte Plane gewickelt, irgendwo in einen Knick geworfen.
Und ich stelle mir seine letzten paar Atemzüge vor, und werde beinahe wahnsinnig dabei. Er muss doch Angst gehabt haben, irgendwo zu liegen, langsam an seinen Verletzungen zu Grunde gehend. Kein Schwein hat ihm geholfen. Der verdammte Jahwe schickte keinen rettenden Engel. Ich flenne schon wieder. Mein armer kleiner „Snowbie“, kleiner großer Bruder-im-Geiste, Leidgenosse, Boarderkumpel. Ich hab's ihm nie zu sagen getraut, wie sehr ich ihn mochte. Ich hab mich doch deshalb geschämt.

Mich auch geschämt, weil ich nie brauchbar, tauglich, nie gut aussehend für jemand sein konnte. Die Komplexität einer Freundschaft nicht aufbauen oder aufrecht erhalten konnte und so weiter. Weil ich 'scheiße' aussehe.

Wie viele Tote ich 'kenne', möchte ich nicht sagen. Es sind einige … auch ist „Snowbie“ nicht der Einzige davon, den ich irgendwie gern hatte. Er war nur der Erste, der meine verbotenen Gefühle weckte. Vielleicht ist es die Verbindung in seiner Geschichte, die ihn mehr noch zum 'Seelenverwandten' machte, als irgend einen sonst. Wie gerne wäre ich damals noch näher an ihm dran gewesen, hätte seine Angst gekannt, die vor diesen verfickten, ach so pietösen, verdrehten Mistkerlen, die ihm das angetan haben. Wie gerne hätte ich seine Gedanken gekannt, um nur zu ahnen, wo er war, als die ihn sich schnappten. Ich stelle mir vor, wie ich ihn da rausgeholt hätte, und die Typen alle platt gemacht hätte, die ihn bedrohten. Das alles nützt heute nichts mehr. Außerdem war ich da selbst grade 25, kein Kämpfertyp, kein guter Schütze. Ich war nur kurzzeitig bei der uniformierten Abteilung, da meine Talente woanders lagen. Aber man wünscht sich doch, man hätte ihn vor seinem grausamen Schicksal bewahren gekonnt. Ihn so gut zu kennen, wünschte man sich, dass er einem diese Geheimnisse anvertraut hätte, wegen denen er sterben musste. Nebenbei hätte ich ihn ja nur ein bisschen lieb gehabt, auch ohne dass er davon was erfährt. So einen wie „Snowbie“ hätte ich verdammt lieb gewonnen, das ist mir klar. Wenn ich sowas je gedurft hätte, jedenfalls. Wenn ich in einer freien Mentalität groß geworden wäre, ohne die christlich aufgeprägte Scham. Ich wäre aber schon zufrieden damit gewesen, lange Jahre sein Boarder-Kollegah sein zu dürfen. Lange Jahre, die man ihm nicht ließ.

Zwei Tage noch, dann ist der 25. 12. Dann feiern die Glücklichen ihr Weihnachtsfest, sogar ja viele der Community, obwohl es das Fest für den Gott ist, der ihre Existenz verachtet. Jahwe. Das Fest einer Konfession, die ihr Dasein, ihre Natur ablehnt. Man muss nicht alles verstehen, und als Ungläubiger nicht alles mitfeiern, nur weil es Millionen machen. Millionen Fliegen schwören auf Scheiße, ist Scheiße deswegen gut? Noch so ein Spruch, den „Snowbie“ mal brachte.
Ist doch gut, könnte mich doch heiter stimmen, mich so an ihn zu erinnern, oder? Leider bin ich kein Positivselbstbezwinger und finde nicht das Heitere in dem, was mich traurig stimmt. Wenn es der Welt nicht gefällt, möge sie mich an'n Mors klaien! Ich will keine tolle Erinnerung an „Snowbie“, ohne meine ehrlichen Gefühle darüber spüren zu dürfen, dass er nicht mehr da ist. Ich möchte mich 21 Jahre danach nicht mehr dafür schämen, dass ich „Snowbie“, oder was von ihm in mir verblieb, sehr lieb habe.

Ich vermisse dich, kleiner Großer
vermisse dein Lächeln wie das Funkeln,
das der Schneeflocken in deinem Sonnenhaar

ich schwimme in deinen Tränen
als wären sie der einzige Ozean,
der mein Lebensschiff sicher trägt

Ich hätte dir gern meine Jahre geschenkt
die ohne deinen Herzschlag darin
lange, schale Wartezeit geworden sind

Die Zeit heilt alle Wunden,
was aber bleibt, ist der Schmerz
und die Ohnmacht einer gespenstischen Leere

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Danke für Deinen Snowboard-Kurs, Deine vielen, lieben Zeilen, Deine süße Präsenz, wachen Geist und für alles andere.

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